Schulungen für Ehrenamtliche

Das Kreisbildungswerk Bad Tölz und die Caritas bieten in den kommenden Wochen eine breite Palette an Schulungen für ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit an. Den Auftakt bildet eine Veranstaltung zum Thema „Herkunftsländer“, die am Mittwoch, 17. Mai, ab 17 Uhr im Lesesaal der Touristeninformation in Lenggries stattfindet.

Die Referentin Silke Weigang hast sich spezialisiert auf Weiterbildungen im Bereich interkulturelle Kommunikation und kennt die Herkunftsländer vieler Geflüchteten, wie beispielsweise den Sengal, Syrien, Afghanistan oder Eritrea von längeren Reiseaufenthalten. Sie wird nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen in diesen Ländern berichten, sondern ganz beispielhaft auf die kulturellen Unterschiede und die daraus eventuell resultierenden interkulturellen Missverständnisse eingehen. Was sind die wesentlichen kulturellen Unterschiede Deutschlands zu diesen Ländern? Welche Konsequenz ergibt sich daraus für die ehrenamtliche Arbeit mit den Geflüchteten? Mit der Beantwortung dieser Fragen knüpft die Veranstaltung an das interkulturelle Kommunikationstraining an, das der Helferkreis Asyl Lenggries bereits in zwei Workshops absolviert hat.

Gleich am Donnerstag, 18. Mai, geht es weiter mit einer Veranstaltung zum Thema „Stammtischparolen gekonnt kontern!“. Auch hier steht Silke Weigang als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Dieser Workshop beginnt ebenfalls um 17 Uhr und findet im Pfarrheim Maria Hilf in Geretsried statt.

Den Umgang mit Abschiedssituationen thematisiert eine Schulung, die am Dienstag, 30. Mai, von 18.30 bis 20.30 Uhr im Mehrgenationenhaus in Bad Tölz (Elisabethsaal, EG) stattfindet. Anja Franzen und Silvia Glaser vom Rückkehrprogramm „Coming Home“ sowie Mitarbeiterinnen des Projektes NUR, das psychotherapeutische Hilfen für traumatisierte Flüchtlinge und Ehrenamtliche anbietet, wollen gemeinsam mit den Teilnehmern eine sinnvolle Kultur des Abschiednehmens erarbeiten.

Am Donnerstag, 29. Juni steht ebenfalls im Mehrgenerationenhaus die Traumatisierung der Geflüchteten im Fokus des Interesses. Maria Heller, Kunstherapeutin vom Trauma Hilfe Zentrum München e. V. gibt ab 18 Uhr ihr Hintergrundwissen über Zusammenhänge und Folgen von traumatischen Erlebnissen weiter und empfiehlt, wie sich Helfer verhalten können und wo die Grenzen sein sollten.

Samstag, den 8. Juli, sollten sich Interessierte vormerken, um den rechtlichen Rahmen des Asylverfahrens thematisch zu erfassen. Die Rechtsanwältin Danica Stanojevic, deren Schwerpunkt auf Ausländer- und Asylrecht liegt, wird von 9 Uhr bis 13 Uhr im Pfarrsaal von Bad Heilbrunn, Sankt-Kilians-Platz 3, einen Überblick über die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten im Asylverfahren informieren. Das Seminar zeigt u.a. juristische Möglichkeiten auf, sich gegen eine Ablehnung zur Wehr zu setzen, und gibt Tipps, wie Helfer ihre Schützlinge in der schwierigen Zeit zwischen Hoffen und Bangen zur Seite stehen können.

Die Anmeldung zu allen Schulungen erfolgt über das Kreisbildungswerk unter der info@kbw-toelz.de oder über die Telefonnummer (08041) 6090.

 

Frauenkreis etabliert sich

Gemeinsam mit anderen Frauen ratschen, lachen, Tee trinken, ohne dabei immer auf die Kinder achten zu müssen, über Themen sprechen, die „Mann“ per se uninteressant findet, sich beim Häkeln und Stricken ausprobieren oder Rezepte austauschen: was in Deutschland früher unter dem Begriff „Kaffeeklatsch“ stattfand, heißt beim Helferkreis Asyl Lenggries „Frauengesprächskreis“. Hier treffen sich einheimische und geflüchtete Frauen aus Syrien, Afghanistan und Irak einmal im Monat zum Gedankenaustausch. Manchmal stehen ganz ernste Themen im Mittelpunkt wie die Schwierigkeiten beim Sprachkurs oder die verzweifelte Suche nach einer eigenen Wohnung. Oder es geht um Informatives wie die Bestückung der Hausapotheke oder die Zusammensetzung der Bundesversammlung für die Wahl des Bundespräsidenten. Im Mittelpunkt steht aber eigentlich das gegenseitige Kennenlernen. Die Begegnung auf Augenhöhe und die Entdeckung von Gemeinsamkeiten über alle kulturellen Schranken hinweg. Und das funktioniert sehr gut: wie im Flug vergehen die zwei Stunden, die die Frauen sich zur Zeit noch einmal im Monat im katholischen Pfarrheim treffen. Ab Mai will die Gruppe ihre Zusammenkünfte in den Gemeinschaftsraum zwischen Mittagsbetreuung und Containerdorf verlegen. Dabei wollen sich die Frauen um die Inneneinrichtung des Raumes bemühen und gemeinsam Tassen für die künftigen Teerunden gestalten. Der Frauenkreis steht allen Interessenten offen, Gäste sind immer willkommen.

Eritreischer Abend im Brauneck-Hotel

Aus einer spontanen Idee wurde ein ganz besonderer Abend: das Brauneck-Arabellahotel lud ein zu einem eritreischen Essen. Unter dem Motto „Lenggries trifft Eritrea“ übergab das Küchenteam des Hotels für einen Abend die Leitung an ihren Auszubildenden Kuflom Gebrebrehan. Der 24jährige Eritreer macht seit eineinhalb Jahren eine Ausbildung zum Koch in Lenggries und durfte einen Tag vor seiner theoretischen Zwischenprüfung sein praktisches Können unter Beweis stellen. Er präsentierte ein köstliches Drei-Gänge-Menue mit verschiedenen Vorspeisen, drei unterschiedlichen Hauptgerichten und exotischen Desserts. Unterstützt wurde Kuflom dabei auch von eritreischen Frauen, die mit ihren Familien auf der Flucht im Isarwinkel gelandet sind. Ab 8 Uhr am Morgen halfen sie bei den Vorbereitungen und sorgten dann am Abend in den landesüblichen Trachten und mit einer speziellen eritreischen Kaffeezeremonie für das nötige Flair. Unter den Gästen befanden sich viele Mitglieder des Helferkreises Asyl. Aber nicht nur ihre Begeisterung war riesig, von vielen Seiten erreichten die Organisatoren die Bitte um eine Wiederholung. Eindrücke von diesem rundum gelungenen Event finden sich in unserer Bildergalerie.

Mutter-Kind-Treff in der Kaserne

Ab sofort findet für Mütter mit kleinen Kindern (bis drei Jahre) jeden Donnerstag zwischen 11 und 13 Uhr ein Mutter-Kind-Treffen statt. Mit Unterstützung des Vereins „Hilfe von Mensch zu Mensch e.V.“ erhalten die jungen Frauen nicht nur wertvolle Tipps in den Bereichen Ernährung, Medienpädagogik und Frühförderung, sondern erlernen Fingerspiele und die ersten Kinderlieder in deutscher Sprache. Die beiden Initiatorinnen Maya Nazarowa und Annette Ehrhart wollen darüberhinaus zu kleineren Ausflügen in die nähere Umgebung einladen  und die Begegnung mit einheimischen Müttern mit kleinen Kindern fördern. Treffpunkt ist die Asylunterkunft auf dem Kasernengelände, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Für das Leben lernen

„Was Sie hier in Deutschland lernen, kann Ihnen keiner mehr nehmen. Ganz gleich, wo Sie später einmal leben werden“, mit diesen Worten wandte sich Waltraud Haase, Initiatorin und Gesicht des Vereins „Asylplus e.V.“ aus Bad Tölz, an die zwölf Geflüchteten, die auf Einladung des Helferkreises Asyl Lenggries in die Mittelschule gekommen waren. Hier im Computerraum der Schule präsentierte Waltraud Haase die Internetplattform von Asylplus, mit deren Hilfe geflüchtete Menschen und Migranten computergestützt Deutsch lernen, auf Lernspiele und mediale Nachhilfe zugreifen können, und darüberhinaus in ihrer Muttersprache Hinweise zu Rechtsberatung und politischer Bildung erhalten.

Da es auch in Lenggries viele Geflüchtete gibt, die aufgrund ihrer Herkunft keine Aussicht auf Anerkennung ihres Asylgesuches haben – zur Zeit betrifft das vor allem Menschen aus dem Senegal, Nigeria und Afghanistan -, versuchte Waltraud Haase Mut zu machen und die Zuhörer zu motivieren. Sie berichtete von einem senegalesischen Schützling, der sich mit Hilfe von Asylplus zu einem IT-Spezialisten hat ausbilden lassen. Als er wegen der Dublin-Bestimmungen nach Belgien ausreisen musste, fand er sofort einen Job in Brüssel.

Der Helferkreis Asyl Lenggries beaufsichtigt seit mehreren Monaten ehrenamtlich den computergestützten Sprachkurs in der Mittelschule. Da die Resonanz unter den Geflüchteten aber eher bescheiden war, wandte man sich an Asylplus e.V.. Der Tölzer Verein wird nun ab sofort zwei seiner Mitarbeiter für Lenggries abstellen, um das Kursangebot wieder zu beleben. Der PC-Raum steht ab Donnerstag, 16. März, immer donnerstags von 16 bis 18 Uhr und freitags 15 bis 20 Uhr (außer in den Schulferien) Lernwilligen offen. Neben den Mitarbeitern von Asylplus werden auch weiterhin ehrenamtliche Helfer beim Lernen unterstützen.

Trommelworkshop geht weiter

Nach einem erfolgreichen Auftakt im Februar laden Sepp Müller von der Musikschule Lenggries und Stefan Müller vom Jugendtreff zu zwei weiteren Veranstaltungen ein: am Donnerstag, 9. März und Donnerstag, 13. April, können Besucher des Jugendtreffs wieder kostenlos an einem Trommel-Workshop teilnehmen. Jeweils ab 19.30 Uhr vermittelt der Musiker Sepp Müller den Einsatz von Percussioninstrumenten. „Die Begeisterung gerade von Seiten der geflüchteten Jugendlichen hat mich sehr beeindruckt“, erzählt Sepp Müller von der Auftaktveranstaltung. „Sie nutzen das Instrument sofort um sich auszudrücken und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen“. Wer Lust hat mitzutrommeln, kann einfach ohne Anmeldung zum Jugendtreff kommen. Andere Instrumente sind willkommen.

Dank an Thomas Schöttl!

Musik für die Seele

Seit September 2014 betreue ich Familie Asadullah aus Afghanistan. Sie waren die ersten Asylbewerber in Lenggries. Schon bei unserer ersten Begegnung konnten wir trotz Verständnishürden ohne Problem aufeinander zugehen. Ich verspürte sofort Sympathie für diese liebe Familie aus dem mir sehr fernen Orient. Und so wurden schnell aus den geplanten Stunden viele lange Tage, in denen ich Zeynab und ihre Kinder mit unseren deutschen Gepflogenheiten vertraut machte. Durchhaltevermögen, Respekt für das Gegenüber, Geduld und viel Humor (auf beiden Seiten!) haben uns durch die vergangenen zweieinhalb Jahre getragen, von der Versorgung mit Kleidung und dem Aufbau eines Haushalts, der Lösung von Schulproblemen, den zahlreichen Arztterminen und nicht zuletzt dem Unterrichten der deutschen Sprache. Zeynab kam hier als Analphabetin an – heute hilft sie afghanischen Flüchtlingen glücklich und stolz als Dolmetscherin.

Stets ist die Sorge um ihre sechs Kinder von ganz großer Bedeutung; besonders besorgt war sie um ihre älteste Tochter. Sahar, verletzt am Auge durch einen Steinwurf eines Onkels in der Heimat, blieb über Monate hinweg ein verschlossenes, ernstes und trauriges Mädchen, ohne Anschluss an die Klassengemeinschaft, ohne Freundin. Es war für mich nicht leicht, bei ihr eine Neigung für ein Hobby zu erspüren, bis sie einmal ihr großes Interesse am Klavier erwähnte. Diese Bemerkung ließ mich nicht los. Vielleicht würde Musik ihre Seele etwas unbeschwerter werden lassen! Ich machte mich also auf die Suche nach einem Keyboard und hatte Glück: Meine Nachbarin Eva Schmitt-Speer, stellte uns großzügig ihr am Speicher ruhendes Instrument zur Verfügung. Und der Weg zu einem Klavierlehrer war über die Vermittlung von Frau Schöttl von Erfolg gekrönt:

Sofort und gerne erklärte sich ihr Sohn für den Unterricht bereit.

Seit nunmehr 2 Jahren erteilt Thomas Schöttl kostenlos jede Woche neben all seinen privaten Verpflichtungen Klavierunterricht. Die leidenschaftlich übende Sahar entwickelte sich, auch zur Freude ihrer Mutter, nicht nur zu seiner besten Schülerin, sondern ist mittlerweile ein fröhliches, aufgeschlossenes, selbstbewusstes Mädchen mit vielen Freundinnen und besten Schulnoten.

Ein großes Dankeschön von uns allen geht heute an

Thomas Schöttl!

 

(v.Christiane Theil)

Integration mit Spiel, Spass und Information

Der Helferkreis Asyl Lenggries plant auch für das neue Jahr zahlreiche Aktivitäten und unterstützt damit die geflüchteten Menschen bei der Integration im Isarwinkel. Beim Stammtisch (immer am ersten Donnerstag im Monat im Bistro Endstation) und den regelmäßigen Treffen der Arbeitsgruppen – die Daten finden sich unter der Rubrik „Termine“ – haben die Helferinnen und Helfer außerdem Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen und ihre Aktivitäten und Projekte gemeinsam zu planen.

Hier ein kurzer inhaltlicher Überblick über die Aktionen im ersten Quartal 2017: am Donnerstag, 19. Januar, startet ein Musik-Workshop für deutsche und ausländische Jugendliche im Jugendtreff unter der Leitung von Sepp Müller. Ab 19.30 Uhr wird getrommelt, gerappt und musiziert. Anmeldungen sind nicht erforderlich, das Angebot richtet sich an Mädchen und Jungen zwischen 14 und 18 Jahren.

Der Fußball steht am Samstag, 4. Februar, im Mittelpunkt: von 14 bis 18 Uhr laden die sportbegeisterten Geflüchteten gemeinsam mit dem Helferkreis Asyl zu einem Hallenturnier für Spieler ab 16 Jahre mit Begegnungsfest. Die Ministranten der katholischen Pfarrgemeinde und die Waldkirchenjugend organisieren parallel zum Turnier einen Parcours und Spiele für die jüngeren Besucher. Ein internationales Buffet mit Spezialitäten aus den Heimatländern der Geflüchteten sorgt für das leibliche Wohl. Anmeldungen werden ab sofort unter heimspiel-lenggries@outlook.de entgegengenommen. Die Veranstaltung findet in der Mehrzweckhalle Lenggries statt. Wer die Organisatoren gerne unterstützen möchte oder einen Beitrag zum Buffet beisteuern kann, ist herzlich zu unserem Vorbereitungstreffen am Dienstag, 24. Januar, 19 Uhr in den Lesesaal der Touristeninformation eingeladen.

Ab Februar findet einmal im Monat ein Gesprächskreis speziell für Frauen statt. Immer am ersten Dienstag im Monat, direkt im Anschluss an den Sprachkurs, treffen sich Frauen ab 17 Uhr im Erdgeschoss des katholischen Pfarrheims zum gemütlichen Teetrinken und zum Austausch über verschiedene Themen wie Erste-Hilfe, Umweltschutz, das deutsche Bildungssytem, Medienpädagogik, Ernährung und vieles mehr. Hierzu sind nicht nur Geflüchtete, sondern auch einheimische Frauen herzlich willkommen. Das erste Treffen findet am 7. Februar statt.

Interkulturelle Kommunikation steht im Mittelpunkt eines Workshops für Paten und Helfer, der am Freitag, 24. Februar, von 17 bis 20 Uhr im Lesesaal stattfindet. Eingeladen sind Interessierte aus allen Arbeitsgemeinschaften. Anmeldung bitte über die Ehrenamtskoordinatorin annette.ehrhart@hvmzm.de.

Und schon jetzt ein kurzer Hinweis auf die Sommerferien: die Zirkusschule Windspiel gastiert vom 14. bis 18. August wieder in Lenggries, um mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien und dem Helferkreis zu jonglieren, zu balancieren, zu tanzen und zu turnen. Als Abschluß ist wieder eine Galavorstellung geplant, zu der alle Eltern, Großeltern, Freunde und Bekannte schon jetzt herzlich eingeladen sind.

Alle Aktivitäten des Helferkreises wie Sprachunterricht, Computerkurse oder Hausaufgabenbetreuung finden sich auf dem Terminplan unserer homepage. Die Trainingszeiten der Fußballmannschaft variieren. In den Wintermonaten nutzen die Spieler am Sonntagnachmittag die alte Turnhalle zum Training. Wer gerne mitspielen möchte, kann ebenfalls über annette.ehrhart@hvmzm.de mehr erfahren.

Weihnachten

Frohe und gesegnete Feiertage

und ein friedliches Jahr 2017

wünscht der Helferkreis Asyl Lenggries

Das Bild von einem betenden einsamen Menschen, der umgeben ist von leuchtendem, farbenfrohem Licht, entstand während der Maltherapie, die im Sommer diesen Jahres von Mitgliedern unseres Helferkreises für traumatisierte Frauen angeboten wurde. Die Kraft und die Hoffnung, die die junge Künstlerin offensichtlich im Gebet findet, möchten wir gerne an die Besucher unserer Homepage weitergeben. Ebenso wie eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte, die der Lenggrieser Pastoralreferent Christoph Freundl am dritten Advent vorgetragen hat – anlässlich der Ankunft des Friedenslichtes von Bethlehem in Lenggries:

Märchen vom Auszug aller „Ausländer“

von Helmut Wöllenstein

Es war einmal, etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über dem Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer die Worte „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe. Die Gardinen an den Fenstern der Bürgerhäuser waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen.

„Los kommt, wir gehen.“ „Wo denkst Du hin! Was sollen wir denn da unten im Süden?“ „Da unten? Da ist doch immerhin unsere Heimat. Hier wird es schlimmer. Wir tun, was an der Wand steht: „Ausländer raus“.

Tatsächlich: Mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf. Zuerst kamen die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen in ihrer Weihnachtsverkleidung. Sie wollten nach Ghana und Westafrika, denn da waren sie zu Hause. Dann der Kaffee, palettenweise, der Deutschen Lieblingsgetränk: Uganda, Kenia und Lateinamerika waren seine Heimat.

Ananas und Bananen räumten ihre Kisten, auch die Trauben und Erdbeeren aus Südafrika. Fast alle Weihnachtsleckereien brachen auf. Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne, die Gewürze aus ihrem Inneren zog es nach Indien. Der Dresdner Christstollen zögerte. Man sah Tränen in seinen Rosinenaugen, als er zugab: Mischlingen wie mir geht’s besonders an den Kragen. Mit ihm kamen das Lübecker Marzipan und der Nürnberger Lebkuchen.

Nicht Qualität, nur Herkunft zählte jetzt. Es war schon in der Morgendämmerung, als die Schnittblumen nach Kolumbien aufbrachen und die Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen in teuren Chartermaschinen in alle Welt starteten. Der Verkehr brach an diesem Tag zusammen … Lange Schlangen japanischer Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen gen Osten. Am Himmel sah man die Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, auf ihrer Bahn gefolgt von den Seidenhemden und den Teppichen des fernen Asiens.

Mit Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten ins Amazonasbecken. Man musste sich vorsehen, um nicht auszurutschen, denn von überall her quoll Öl und Benzin hervor, floss in Rinnsalen und Bächen zusammen in Richtung Naher Osten. Aber man hatte ja Vorsorge getroffen.

Stolz holten die deutschen Autofirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen: Der Holzvergaser war ganz neu aufgelegt worden. Wozu ausländisches Öl?! – Aber die VW’s und BMW’s begannen sich aufzulösen in ihre Einzelteile, das Aluminium wanderte nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Naturkautschuk nach Zaire. Und die Straßendecke hatte mit dem ausländischen Asphalt auch immer ein besseres Bild abgegeben als heute.

Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, der Auszug geschafft, gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land. Aber Tannenbäume gab es noch, auch Äpfel und Nüsse. Und die „Stelle Nacht“ durfte gesungen werden – allerdings nur mit einer Extragenehmigung, das Lied kam immerhin aus Österreich!

Nur eines wollte nicht in das Bild passen: das Kind in der Krippe, sowie Maria und Josef waren geblieben. Ausgerechnet drei Juden! Wir bleiben, hatte Maria gesagt, denn wenn wir aus diesem Land gehen, wer will ihnen dann noch den Weg zurück zeigen – zurück zur Vernunft und Menschlichkeit?

 

Ein selbstgebastelter Gruß zu Weihnachten

Mit viel Phantasie und Liebe zum Detail haben 15 Kinder aus afghanischen und syrischen Flüchtlingsfamilien gemeinsam mit Mitgliedern des Helferkreises Asyl Weihnachtskarten gebastelt. Obwohl fast alle Mädchen und Buben muslimischen Glaubens sind, kennen sie sich mit Nikolaus, Weihnachtsstern und Tannenbaum bestens aus. „Wir haben immer mit unseren Nachbarn Weihnachten gefeiert. Die waren Christen“, erzählt Iwan aus Syrien. „Ich finde Weihnachten in Deutschland schön“, freut sich Zahrai aus Afghanistan. In der Schule erzähle die Lehrerein jetzt immer eine Geschichte, die Kerzen werden angezündet und „das ist so gemütlich“. Ihre Weihnachtskarten wollen die geflüchteten Kinder, die fast alle schon seit zwei Jahren in Lenggries wohnen, nicht für sich behalten. „Die verschenken wir an die alten Leute“ verrät die kleine Ghazal. Gemeinsam mit ihrer Betreuerin aus dem Helferkreis, Christiane Theil, hat das afghanische Mädchen im traditionellen Gewand ihrer Heimat die selbstgemachten Karten an die Bewohner des „Hauses der Senioren“ überreicht.

Für die Geflüchteten aus den Regionen des Nahen und Mittleren Ostens ist die Institution „Seniorenheim“ etwas Neues: in Syrien, Irak oder auch Afghanistan erreichen nicht viele Menschen ein so hohes Alter wie in Deutschland. Und wenn, dann wohnen Oma, Opa, Uroma und Uropa ganz selbstverständlich mit im eigenen Haus. Die Kinder der Bastelgruppe hoffen, dass sich die Bewohner des „Hauses der Senioren“ an Weihnachten nicht alleine fühlen. Deshalb soll jeder einen schönen persönlich gestalteten Gruß bekommen.